Was hat es eigentlich mit Kulturgezwitscher auf sich?

13. Februar 2010

Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit am Institut für Kulturmanagement in Ludwigsburg wurde ich bei Seminaren und Fortbildungskursen zum Thema Kulturvermittlung und -marketing mit social media immer wieder gefragt, wer Dienste wie Twitter im Kulturbereich überhaupt nutzt. Da zu diesem Zeitpunkt keine genauen Zahlen vorlagen habe ich im April 2009 das Projekt „Kultur(ge)zwitscher“ gestartet, mit dem Ziel, diese Lücke zu schließen.

Leider war es aufgrund der IT-Infrastruktur der Hochschule und der skeptischen Haltung gegenüber social media undenkbar, das Projekt als offizielles Projekt im Rahmen meiner Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter durchzuführen. Da ich parallel dazu jedoch als Berater und Softwareentwickler für Kultur- und Bildungseinrichtungen tätig bin habe ich mich entschieden, die Infrastruktur meiner Firma FrankIT zu nutzen, um dieses Projekt umzusetzen.

Von Frühjahr bis Herbst habe ich den Retweet- und Analysebot ständig weiterentwickelt und diverse Experimente zu automatischen Analyse durchgeführt, die letztendlich zu keinen spannenden Ergebnissen geführt haben. Anders jedoch die im Herbst 2009 durchgeführte Erhebung unter den über tausend Followern von Kulturgezwitscher. Ein Teil der Ergebnisse dieser Umfrage habe ich im November 2009 auf der EVA-Konferenz in Berlin vorgestellt, die Folien dazu sind hier zu finden. Im Frühjahr 2010 hoffe ich, dass ich Zeit finde, die kompletten Ergebnisse zu analysieren und zu veröffentlichen. Im Herbst 2010 möchte ich erneut eine Erhebung durchführen und diese mit der 2009 vergleichen.

Jedoch überlege ich derzeit, ob ich das Projekt nicht temporär ruhen lasse. Zwar habe ich seit Beginn 2009 dutzende Mails, DMs und hunderte Tweets mit lobenden Worten und voller Begeisterung erhalten. Jedoch sind ich in den letzten Tagen auch drei „Beschwerden“ eingegangen (in der Summe seit April 2009 sind es damit fünf), die sich durch Kulturgezwitscher irgendwie belästig fühlen. Mir wurden nicht nur „juristische Schritte“ angekündigt, ein User drohte mir in einem Tweet sogar mehr oder weniger indirekt, er käme in meinem Büro vorbei um mir eins „auf die Nase“ zu geben. Erschrocken musste ich feststellen, dass nun die (dumme?) Masse Twitter für sich entdeckt hat und bin gespannt, wie das weitergeht (Ob ich den Baseballschläge aus dem Keller neben meinen Schreibtisch legen soll?).

Ein zweiter Verdacht, der geäußert wird ist, dass mit Kulturgezwitscher irgendwie „Geld“ gemacht wird. Jeder, der sich mit social media, Web 2.0 und deren Geschäftsmodellen nur eine klein wenig beschäftigt hat müsste klar sein, dass mit einem Projekt wie „Kulturgezwitscher“ kein Cent zu holen ist. Für alle anderen habe ich heute nochmals auf jeder Seite ganz groß „werbefrei & nichtkommerziell“ geschrieben und erkläre nochmals gerne, dass ich bisher keine Cent verdient habe, ja ganz im Gegenteil einige hundert Euro hineingesteckt habe.

Auch zukünftig ist keine Kommerzialisierung des Projektes geplant. Selbstverständlich mache ich das nicht „umsonst“, ich freue mich natürlich, dass das Projekt wahrgenommen und hier und da zitiert wird – bin jedoch sicher, dass dafür der ein oder andere Verständnis haben wird.

9 Responses to “Was hat es eigentlich mit Kulturgezwitscher auf sich?”

  1. Christin Z. Says:

    Ich habe den Artikel mit großem Interesse gelesen und gebe kadekmedien mit seinem Tweet dazu unverhohlen Recht.
    Leider neigen Twitterianer sehr schnell zum (Ver-)Urteilen, das bringt die oberflächliche Schnelligkeit wohl auch mit sich.
    Liebe Grüße und weiter so!
    Christin Z.

  2. Ernst K. Says:

    Vorab …ich bin eigentlich kein typischer Kommentareschreiber, deine Ausführungen im Artikel sind für mich aber in mehrfacher Hinsicht interessant und von daher auch kommentierenswert. Von Deiner ausgehenden Fragestellung „…wer Dienste wie Twitter im Kulturbereich überhaupt nutzt.“ war ja der „Interessierten” Ansatz Deinerseits dieses Projekt zu starten. Dass eine „Systemausbildungsstelle” dafür erstmal keine Mittel hat, ist nicht weiter verwunderlich und zeugt doch auch vom Stand mancher Ausbildungsstättenoberen. Die Ergebnisse sind aufschlussreich und würden eigentlich einer kontinuierlichen Beobachtung des Feldes Grundlage bieten. Deine Überlegungen zum Ruhen lassen stellt sich mir so dar, dass da jemand – einer kleinen „unqualifizierten” Minderheit – den Raum geben würde, den sie eigentlich nicht verdienen. Der Zwang des Reagierens wäre meiner Meinung nach hier zu groß gegenüber dem eigenen Agieren. Und da das Wort verdienen auch schon gefallen ist, warum sollte eigentlich jemand, der Arbeit aufwendet nicht auch etwas verdienen? Das Web und einige Bereiche der Kultur haben es immer noch nicht verstanden, das ein Geschäft nur mit einem Gegengeschäft zustande kommt. All diejenigen, die momentan im Web unterwegs sind und sich als große social media Versteher und an den Mann oder Kultureinrichtung bringende Fachleute aufspielen und ihre Aufträge ziehen, werden sehr schnell deine Auswertungen aus PP in ihren Seminaren mitverkaufen … wetten? Ich würde mir eine Kommerzialisierung des Projektes sehr wohl überlegen. Viel Erfolg wünsche ich und weiter …
    Beste Grüße
    Ernst K.


  3. Foren- oder wie in diesem Fall Twittertrolle muss man sich verdienen… 😉


  4. Vielen Dank für die vielen aufmunternden Kommentare, Mails und Tweets, das hat natürlich meine Stimmung wieder gehoben, wenn beispielsweise jemand wie kadekmedien schreibt „Lass Dich bloß nicht irre machen. Grandiose Arbeit, f.d. Verbreitung v. Kultur ebenso wie f. Twitter“ – Danke, werde ich machen 🙂

    @Ernst K. Vielen Dank für den Kommentar, hat mich ebenfalls sehr gefreut. Über den „Stand mancher Ausbildungsstättenoberen“ (wunderbares Wort) ist sich manchmal wirklich zu wundern, aber hauptsächlich ist es die Verwaltung, die sich aus rechtlichen, technischen und unerfindlichen Gründen querstellt. Und in Sachen „Kommerzialisierung“ kann Dir nur voll und ganz zustimmen: Mit „Kultur“ kann und darf auch Geld gemacht werden, wie man an den „großen social media Versteher“ (ebenfalls: wunderbare Wortschöpfung) sieht. Und natürlich nehme ich für Vorträge in der Regel auch ein Honorar, glaube jedoch nicht, dass es lohnend (in mehrfacher Hinsicht) wäre, Kulturgezwitscher komplett zu „kommerzialisieren“ – jedoch hast Du mich tatsächlich auf eine gute Idee gebracht (mehr dazu ein andermal).

  5. Gabriela Says:

    Im Rahmen der Vorbereitungen eines Social Web Workshops, an welchem 2 Künstlerinnen teilnahmen, bin ich geradewegs über Kulturzwitscher gestolpert. Nun habe ich hier endlich mal genauer nachgelesen und finde das Projekt sehr interessant.
    Sehr schön auch der Kommentar mit den Twittertrollen, was für ein schönes Wort.
    Ich kann auch nicht nachvollziehen, weshalb Kultur, Kunst und/oder Social Media kostenlos sein soll
    Ich schliesse mich meinen Vorschreibern an und wünsche weiterhin gute Erkenntnisse und Erfolge.

  6. happy-buddha Says:

    Moin

    Nicht unterkriegen lassen von ein paar Menschen, die nur weil sie es nicht verstehen, es für Doof abstempeln 🙂

  7. Brunopolik Says:

    Eine nicht uninteressante Diskussion über Twitter als „Werkzeug“ findet im Internetportal berlinergazette mit dem Titel „Hörst du mir überhaupt zu?“ statt. Hier der Link:

    http://berlinergazette.de/horst-du-mir-uberhaupt-zu/

    Ob es Twitter immer kostenlos geben wird, ist natürlich noch offen. Dieselbe Frage stellt sich bei Google. Beides sind unverzichtbare Werkzeuge für Nutzer des Netzes wie mich. Ich vermute, irgendwann wird uns die Rechnung präsentiert werden. Würden sich die Preise in der gleichen Größenordnung wie bei den Blogs bewegen, kämen wir mit einem blauen Auge davon. Aber …?


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